Eine kleine Farm in den Mongotes bei Viñales
Eine kleine Farm in den Mongotes bei Viñales

Wo der Bauer arm ist, ist das ganze Land arm (Sprichw.)

Landwirtschaft

 

"Also, dieses Jahr habe ich wirklich viel zu wenig Wasser. Ich kann kaum etwas anbauen", erzählte mir Emanuel vor ein paar Stunden (seine ganze Geschichte findest du hier). Es ist Abend auf Kuba und ich beende meinen ereignisreichen Tag wie immer aus diesem Aus-Flug: Ich hocke entspannt in einem Schaukelstuhl, paffe genüsslich eine knüppeldicke Zigarre, erinnere mich an meine Erlebnisse und komme ins Sinnieren. Heute beschäftigt mich die Landwirtschaft. Es hat wirklich nicht viel geregnet in den letzten Monaten, das sagen alle. Emanuel gehört zu den Bauern, die es besonders hart trifft: Im Gegensatz zu seinem Nachbarn hat er nämlich keine Wasserquelle auf seinem Land. Die letzten Jahre konnte er ebendiesem Nachbarn Wasser abkaufen. Doch auch der hat heuer zu wenig davon, weil er das Wasser mit einer Benzinpumpe gewinnt und Benzin ist dieses Jahr auch ganz schwer zu kriegen. "Ich bin auf das angwiesen, was die Natur mir gibt für mein Gemüse", führte mein Freund aus.

 

 

Dieser Schlitten dient dem Transport von Lasten und dem Bauern.
Dieser Schlitten dient dem Transport von Lasten und dem Bauern.

 

 

"Zum Glück bin ich wenigstens Mitglied in der Kooperative", hallt es mir im Kopf nach. Mein Blick durchstreift die laue Dunkelheit vor meinem Schaukelstuhl und ich krame in meinen Gehirnschubladen. Zu "Kooperative" finde ich da: Mitglieder dieser Bauernvereinigung werden bei der staatlichen Zuweisung von Wasser und Düngemitteln bevorzugt. Außerdem achtet die Kooperative darauf, dass die Gesamtproduktion der Mitglieder vorteilhaft für die Gemeinschaft ist. Dafür legen ihr die Bauern einen Pflanzplan für die nächste Saison vor, der genehmigt werden muss. Klingt doch eigentlich ganz gut. Ich ziehe an der Zigarre und schaue den Rauchschwaden nach, die die Kooperative nach und nach aus meinem Hirn nebeln... Die Milchbauern kommen mir dafür in den Sinn, die ich eines Morgens auf der Landstraße traf, als sie gerade auf dem Weg zu ihren Kühen waren.

 

 

 

 

Den Milchbauern fehlt weniger das Wasser, sondern mehr die Altersversorgung. Die beiden älteren sind um die 80 Jahre. Um ihr Auskommen zu haben, müssen sie weiterhin arbeiten und sind auf die finanzielle Unterstützung ihrer Kinder im Ausland angewiesen. Die Kühe melken sie von Hand. Die 42 Kühe der ersten beiden gehören dem Staat ("Staatskühe" sozusagen), dem Mann mit dem blauen T-shirt gehören sie selbst. Sie alle müssen ihre Milch an den Staat zu einem sehr niedrig festgesetzten Preis verkaufen.

 

 

Auch der Marabu-Busch setzt den Landwirten zu. Einst hat man ihn als Zierpflanze aus Afrika eingeführt. Aber weil er in Kuba keine Feinde hat, überwuchert er heute weite Teile der Landschaft. Nur diese alte Raupe aus den 1950er-Jahren ist ihm gewachsen.
Auch der Marabu-Busch setzt den Landwirten zu. Einst hat man ihn als Zierpflanze aus Afrika eingeführt. Aber weil er in Kuba keine Feinde hat, überwuchert er heute weite Teile der Landschaft. Nur diese alte Raupe aus den 1950er-Jahren ist ihm gewachsen.

 

 

"Und all diese Schwierigkeiten haben wir, obwohl das Land fruchtbar ist", ereiferte sich Emanuel vorhin. "Wir könnten auf unseren Feldern so viele Lebensmittel produzieren, dass es für alle Kubaner reichen würde." Ich bin entsetzt: "Aber warum tut ihr das nicht?" Immer fehle es an irgendetwas, sagt er: Dieses Jahr an Wasser und Benzin, ein anderes Jahr an Düngemitteln. Oder, ergänze ich, die Regierung setzt die Preise zu niedrig an wie bei meinen Milchbauern. Und beim Weiterschaukeln fällt mir noch eine Geschichte ein: Vor ein paar Jahren gab es einen Zyklon, der die Ernte rund um Cienfuegos weitgehend vernichtet hat. Da schrieb die Regierung den Bauern vor, ihre Ware, die sie auf dem Markt verkauften, zu noch niedrigeren Preisen anzubieten als vor dem Wirbelsturm. Heute sieht ebendieser Markt so aus:

 

 

 

 

Und warum? Weil die Bauern die Lebensmittel wegen der niedrigen Preise stattdessen nun auf dem Schwarzmarkt verkaufen – für den, sagen wir, dreifachen Preis. Das alles führt dazu, dass Kuba unglaublich viele Nahrungsmittel importieren muss.

 

 

 

 

Zigarrenrauch umweht mich und prompt kommt mir in den Sinn: Die Zigarren, habe ich in der Zigarrenfabrik gelernt, werden fast komplett exportiert. Nach Westeuropa und China hauptsächlich. Die paar die hierbleiben, können sich viele, viele Kubaner nicht leisten. Sie bauen deshalb auf die Selbstgedrehten. So oder ähnlich ist auch bei anderen weiterverarbeiteten Produkten. Ich werde müde, die Gedanken legen sich schlafen. Bilder und Erinnerungsschnipsel ziehen noch vor meinen großen inneren Augen vorbei.

 

 

 

 

Plötzlich werde ich wieder wach. Ich nippe noch einmal an meinem Rum und schüttele ungläubig mein verzotteltes Haupt: Da gibt es ein fruchtbares Land. Da gibt es eine sozialistische Regierung, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, bestens für ihr Volk zu sorgen. Und dann fehlt es trotzdem hinten und vorne an Maschinen, an Einkommen, an Wasser, Dünger und Weiß-der-Geier-noch-allem. Und keiner kann mir erklären, warum. Wie geht das? Einmal mehr wundere ich mich über euch Zweibeiner.

 

 


Infos:

In Kuba war ich im Dezember 19.