Mitten im Wald sitzen Menschen und lesen Briefe: Zwei junge Frauen, die in dem Alter sind, in dem sie alles „total schön“ finden. Ältere Ehepaare. Eine radelnde Mutter mit ihrem schätzungsweise 18-jährigen Sohn, der mit dem Fahrrad Wheelies macht, während sie liest. Irgendwann klettert er aber doch auf die Leiter. Oben stehend kommentiert er lässig-verschlafen: „War der Baum nicht auch mal im Fernsehen?“
Was ist hier los? Ich mache mich schlau: Die riesige Eiche, vor der ich hocke, ist kein gewöhnlicher Baum. Erstens ist er ziemlich alt, schätzungweise 400 Jahre ein alter Baumriese sozusagen. Zweitens hat er eine besondere Aufgabe: Er dient als – Briefkasten. Jawohl, als Briefkasten. In einem unscheinbaren Astloch, das niemand genauer beachten würde, werden Briefe gesammelt. Weil es sich im Stamm in mehreren Metern Höhe befindet und ihr nicht fliegen könnt, wurde eine stabile Leiter sogar mit Geländer angebaut. Angefangen hat das gegen Ende des 19. Jhrd., als die Tochter des Oberförsters und ein Schokoladenfabrikant gegen den Willen ihres Vaters auf diesem Wege Liebesbriefe austauschten. Letztendlich ging die Geschichte gut aus und die beiden heirateten unter ihrer Briefkasteneiche und seitdem trägt sie den Namen Bräutigamseiche.
Auch vor Ort fördert der Baum die Kommunikation, denn über die Briefe kommt man ins Gespräch: Über die Inhalte der Schriftstücke und die Schreibenden sowie über die Besonderheit dieses Briefkastens. Das Briefloch im Baum ist so tief, dass nur wirklich die dünnarmigsten von euch alle Schriftstücke herausfischen können. Ansonsten ist ein Stöckchen eine brauchbare Hilfe. Eine Frau nutzt es, um die Briefe an einer Stelle zusammenzuschieben, an die sie drankommt. Nun habe ich lange genug beobachtet. Freundlich luchse ich einem älteren Mann die Briefe ab und beginne selbst zu schmökern.
Manche Briefe sind klamm, die Tinte bei einem leicht verschwommen, aber lesbar. Ich finde die Anfrage für eine Brieffreundschaft, liebevoll beklebt mit alten Pfennigbriefmarken, bei denen zwei ältere Frauen in Verzückung geraten, weil sie diese noch aus ihrer Kindheit kennen. Eine 80-Jährige, deren Brief von der Enkelin geschrieben und eingesteckt wurde. Jemand macht sich -wie ich finde- interessante Gedanken über die digitale Partnersuche: Prinzipell sei Digitalisierung eine gute Sache, aber manche Dinge wie die Partnersuche funktionierten analog einfach besser. Besonders bemerkenswert finde ich den den letzten Satz, der sinngemäß besagte: Natürlich freue man sich über Zuschriften, aber es sei okay, wenn niemand antworte, allein das Notieren dieser Gedanken habe gutgetan.
Einige Schriften wurden offensichtlich persönlich hier eingeworfen, aber ein guter Teil erreicht die Bräutigamseiche mit der Post. Mit der Post, du hast richtig gelesen! Nicht nur, dass hier täglich das Postauto hält. Der ehrwürdige Baum hat sogar eine eigene Postleitzahl! Die Zuschriften kommen aus aller Welt, ich halte einen aus Weißrussland zwischen meinen Füßen.
Während ich noch so dahocke und dem Nachhall der Briefe in mir lausche, komme ich ins Sinnieren: Was für eine romantische Einrichtung! Ich mag die Post dafür, dass sie sich die Mühe macht, eine Postadresse einzurichten und jeden Tag Briefe an diesen kuriosen Ort zu bringen. Immerhin steht der altehrwürdige Baum 2 Gehminuten von der Landstraße entfernt. Ich stelle mir vor, dass eine nennenswerte Zahl der Kontaktanfragen zusammenpasst, denn die Zweibeiner, die hierher schreiben, haben höchstwahrscheinlich drei Dinge gemeinsam: Sie sind naturverbunden, old school und romantisch. Ich wünsche allen viel Erfolg bei der Suche nach sympathischen Menschen und der Bräutigamseiche ein langes Leben.
Infos:
In der Holsteinischen Schweiz war ich im April 2026.